Studien/ Analysen

Gerade junge gesellschaftliche Entwicklungen benötigen sozialwissenschaftliche Expertise um Abgrenzungen und Zusammenhänge über die aktuelle Situation, aber auch Tendenzen für die Zukunft einzuschätzen.

An dieser Stelle folgt ein Auflistung mit Kurzzusammenfassungen und Links der aktuell relevanten Studien zum Thema Praktika in Österreich.

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  • Regina Gottwald-Knoll von der Plattform über aktuelle Arbeitslosenzahlen, die steigende AkademikerInnen-Arbeitslosigkeit und die „Generation Praktikum“

Generation Praktikum“ und steigende AkademikerInnen-Arbeitslosigkeit

Die „Generation Praktikum“ als eine Gruppe gut ausgebildeter junger Erwachsener, die es über längere Zeit nicht schafft Fuß am regulären Arbeitsmarkt zu fassen wurde teils negiert, oder als „Mythos“ bezeichnet. Genauso wird oft die Zahl der arbeitslosen HochschulabsolventInnen bagatellisiert.

Bei genauem Hinsehen lässt sich jedoch nicht leugnen, dass gerade die Höchstgebildeten in einem immer größeren Ausmaß von Problemen am Arbeitsmarkt betroffen sind.

Es stimmt, dass die Arbeitslosenquote der AkademikerInnen im Vergleich zu niedriger qualifizierten Personen weiterhin gering ist und auch der Anteil der AkademikerInnen an allen Arbeitslosen mit 5% nicht übermäßig hoch ist.

Die absolute Anzahl der beim AMS als arbeitslos gemeldeten Personen verglichen nach deren Bildungsabschluss, zeigt jedoch, dass die Gruppe der AkademikerInnen im letzten Jahrzehnt die am stärksten gewachsene ist.

Anzahl arbeitslos gemeldeter AkademikerInnen im Zeitverlauf (2000 – 2012)

Anzahl arbeitslos gemeldeter AkademikerInnen im Zeitverlauf (2000 – 2012)

Quelle: Freie Abfrage auf BaliWeb

Ausgehend vom Bestand im Jahr 2000 (=100%) ist die Anzahl der Arbeitslosen in Österreich – unabhängig von deren Ausbildung – zwischen den Jahren 2000 und 2012 um 34% gestiegen. Die Anzahl der arbeitslosen AkademikerInnen stieg im selben Zeitraum jedoch deutlich stärker an.

2012 betrug die Anzahl der arbeitslos gemeldeten mit Hochschulabschluss schon 264% des Wertes von 2000. In absoluten Zahlen vermerkte das AMS im Jahresdurchschnitt 2000 noch 5.039 arbeitslose AkademikerInnen, während es im Jahr 2012 bereits 13.317 waren. Bereits 2009 hat sich der Bestand von 2000 mehr als verdoppelt. In diesem Jahr litt der Arbeitsmarkt besonders stark unter den Folgen der Finanzkrise. Während sich die Situation für Personen mit niedriger und mittlerer Ausbildung nach 2009 jedoch wieder entspannt hat, ist bei Personen mit akademischer Ausbildung weiterhin keine Trendumkehr ist in Sicht.

Die Zahl der arbeitslosen HochschulabsolventInnen steigt seit 2009 sogar stärker als die Zahl der Arbeitslosen ohne abgeschlossene Schulausbildung.

Der Anstieg der arbeitslos gemeldeten AkademikerInnen allein zeigt jedoch nicht das volle Ausmaß des Problems.Denn nicht berücksichtigt werden hier jene Hochschul-AbsolventInnen, die sich in AMS-Schulungsmaßnahmen oder privaten akademischen Weiterbildung(en) befinden. Die Ergebnisse der Studierendensozialerhebung 2009 weisen darauf hin, dass viele Hochschul-AbsolventInnen aufgrund erfolgloser Jobsuche nach dem Bachelor oder Master ein weiteres Studium (z.B. Doktorat) aufnehmen.

Auch jene Personen, die sich aufgrund eines nicht bestehenden Arbeitslosengeld-Anspruchs erst gar nicht beim AMS melden (wollen), werden von den offiziellen Registerdaten unterschätzt. Die Dunkelziffer der Arbeitssuchenden ist unter AkademikerInnen als besonders hoch einzuschätzen.

Arbeitslosenstatistiken geben auch keine Auskunft über die Art und das Ausmaß der Beschäftigung. Die vergleichsweise geringe AkademikerInnen-Arbeitslosigkeit liegt mitunter auch daran, dass es hoch qualifizierte Personen einfacher haben, „irgendeine“ Beschäftigung zu finden, unabhängig davon, ob die Tätigkeit auch ihrer Ausbildung entspricht. Hochschul-AbsolventInnen sind stark intrinsisch motiviert und mehr als andere Arbeitssuchende dazu bereit, gratis oder unter ihren Wert zu arbeiten, um ihren Berufswunsch zu verwirklichen. In der österreichweite Jugendwertestudie 2011 gibt rund die Hälfte der jungen Erwachsenen mit höherer Bildung an, dass sie für ein interessantes Praktika auch auf Bezahlung verzichten würde.

Ein gewisser Idealismus und mangelnde arbeitsrechtliches Bewusstsein macht AkademikerInnen oft zu leichten Opfern der (Selbst)Ausbeutung.

Eine Studie zur Arbeitssituation von Universitäts- und FachhochschulabsolventInnen im Auftrag des BMWF (ARUFA, 2011) zeigte auf, dass mindestens ein Viertel der AkademikerInnen nach Abschluss prekär beschäftigt ist. Insgesamt 8% sind als PraktikantIn, VolontärIn oder Trainee beschäftigt, 3% gehen lediglich einer geringfügigen Beschäftigung nach, 9% sind Werkvertrags-nehmerInnen oder freie DienstnehmerInnen, 4% haben ArbeiterInnenstatus oder nicht näher definierte – nicht angemeldete? – sonstige Beschäftigungsformen. Zusätzlich gab in der repräsentativen Befragung mehr als jede/r Zehnte (11%) an, einer Erwerbstätigkeit ohne Bezug zum Studium nachzugehen. JobeinsteigerInnen sind auch in überdurchschnittlich hohem Ausmaß vom Trend zur Leiharbeit und Teilzeit-Beschäftigung betroffen.

Eines ist klar: Wenn die Zahlen weiterhin so rasant steigen wie in den letzten 12 Jahren, wird die Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik nicht mehr lange die Augen vor dem Problem verschließen können. Der Zusammenhang zwischen höherer Bildung und Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse wird immer evidenter.

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  • Das Team der Plattform über das Problem der unbezahlten Praktika in Österreich

und die 10.Welle des Jugendmonitors des BMWFJ zum Thema „Meinungen und Einstellungen Jugendlicher zu Praktika“

Pressefotos des BMWFJ Pressefotos des BMWFJ

Zu Sommerbeginn hat das Wirtschaftsministerium die 10.Welle des Jugendmonitors, diesmal mit dem Fokus „Praktika“, veröffentlicht. Darin fanden sich einige altbekannte Ergebnisse wieder, die wohl hoffentlich bald zum Allgemeinwissen über Praktika gehören:

Erstens es werden immer mehr Praktika absolviert. Unter den 18-24 Jährigen in Österreich haben mittlerweile schon zwei Drittel ein Praktikum hinter sich, unter den 14-18 Jährigen sind es 3 von 10 (34%). Denn sowohl in Berufsschulen und seit diesem Jahr auch in Handelsschulen sind Pflichtpraktika vorgeschrieben.

Zweitens werden Praktika als Einstiegshilfe in den Arbeitsmarkt gesehen. Neben dem Sammeln von Erfahrungen, denken insgesamt 85 % der Jugendlichen durch Praktika bessere Chancen beim Berufseinstieg zu haben. 68 % sehen darin sogar einen Weg um „einen bestimmten Job“ zu bekommen.

Drittens ist es derzeit nicht für alle Studierenden möglich, einen Praktikumsplatz zu finden, bei dem sie auch entschädigt werden. Knapp die Hälfte (46 %) aller Jugendlichen haben wenigstens ein bezahltes Praktikum gemacht, ein gutes Drittel (36 %) hat bislang ausschließlich unbezahlte Praktika absolviert. 17 % haben Erfahrungen unter beiden Bedingungen gemacht.

Soweit nichts neues.

Überraschend ist aber, dass laut der Befragung über 90 % der PraktikantInnen mit ihren Praktika zumindest „eher“ zufrieden waren, wobei hier nur sehr allgemein nachgefragt wurde.

Auf Aspekte, die für die Zufriedenheit mit Praktikastellen ausschlaggebend sind, wie Betreuung, Aufgabenbereiche, aber auch Bezahlung oder soziale Absicherung, wurde nicht weiter eingegangen.

Was der Jugendmonitor zudem verschweigt:

Speziell im Hochschulbereich werden Praktika vermehrt von Frauen absolviert, hier gibt es ein gravierendes Problem mit fehlender Bezahlung und unzureichender sozialer Absicherung. 70 % aller Pflichtpraktika von Studentinnen werden nicht bezahlt, bei den freiwilligen Praktika sind es immer noch 40 %. Bei ihren Kollegen sieht es besser aus, aber auch diese absolvieren über 40 % ihrer Praktika unbezahlt, sei es freiwillig oder verpflichtend.

Dennoch zeigen zeigen sich auch im Jugendmonitor Anzeichen dafür, dass fehlende Bezahlung problematisch ist. 58 % der Studierenden sehen in der schlechten oder nicht vorhandenen Bezahlung von Praktika, einen Grund keine Praktika zu machen. Und zumindest ein Drittel (30 %) der für den Jugendmonitor befragten Jugendlichen sagen, sie könnten es sich finanziell überhaupt nicht leisten, eine Praktikumsstelle anzutreten. Das zeigt klar: Die Rahmenbedingungen der Praktikarealität in Österreich sind sozial selektiv und benachteiligen finanziell schlechter gestellte Studierende.

Die meisten Unternehmen erwarten von BerufseinsteigerInnen bereits vorhandene branchenspezifische Berufserfahrung und Praktika sind immer noch der häufigste Weg, diese zu erwerben. Für fast ein Drittel der unter 25-jährigen ist das Praktikum ein Luxus, dem sie – selbst wenn sie es wollten – nicht nachkommen können.

Das Problem der unbezahlten Praktika muss also ernst genommen werden, vor allem dann, wenn nicht einmal eine Meldung zur Sozialversicherung vorliegt. Denn abgesehen davon, dass so weder ein Pensionsanspruch, Mutterschutz oder eine Arbeitslosenversicherung erarbeiten werden kann, gibt es auch keine Krankenversicherung und keine Unfallversicherung am Arbeitsplatz.

Noch schwieriger haben es Studierende, die sich ihr Studium durch eigene Erwerbstätigkeit zum Teil oder gar zu Gänze selbst finanzieren und gleichzeitig ein unbezahltes Pflichtpraktikum absolvieren müssen, um ihr Studium abschließen zu können. Für diese wird aus der Doppelbelastung von Studium und Arbeit eine Dreifachbelastung, die nur durch äußerst straffes Zeitmanagement und den Verlust jeglicher Erholungsphasen überhaupt gemeistert werden kann.

Übrigens: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat bei der Veröffentlichung des Jugendmonitors verkündet, dass es einen – nicht näher definierten – Qualitätscheck für verpflichtende Betriebspraktika geben soll. Angesichts der geringen inhaltlichen Tiefe, die der Jugendmonitor hinsichtlich der Qualität von Praktika an den Tag legt, sei auf das „Gütesiegel Praktikum“ der ÖH hingewiesen. Bereits 2011 wurden hier für Praktika strenge Qualitätskriterien definiert, die wichtigsten von diesen betreffen die soziale Absicherung sowie die inhaltliche Qualität der Tätigkeiten.

Quellen:

BMWFJ Jugendmonitor 10. Welle: Meinungen und Einstellungen Jugendlicher zu Praktika

Studierenden-Sozialerhebung 2011

Fessler, Agnes (2012): Geschlechtsspezifische Chancen bei der Bezahlung von Praktika unter Studierenden in Österreich (B.A. Arbeit)

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  • FORBA Studie „Praktika und Praktikanten/Praktikantinnen in Österreich –
    Empirische Analyse von Praktika sowie der Situation von
    Praktikanten/Praktikantinnen“ 2011

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz

Die Studie gibt es hier zum download.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie in Kurzform:

Praktika bei Studierenden und SchülerInnen

Vorsichtige Schätzungen aus mehreren quantitativen Studien gelangen zum Ergebnis, dass in Österreich jährlich von etwa 40.000 studentischen Pflichtpraktika auszugehen ist.

Für sonstige Praktika von Studierenden – mit fließenden Grenzen zu Formen studentischer Erwerbstätigkeit  sind keine direkten Schätzungen möglich, auszugehen ist allerdings von einer höheren Anzahl als von Pflichtpraktika.

Auch zur Verbreitung von Schülerinnen-Praktika sind auf Basis der existierenden Datenlage keine präzisen Schätzungen möglich.

Als zentrale Problemzone erweist sich allerdings der unklare Status eines Praktikums zwischen Ausbildungs- und Arbeitsverhältnis; vom faktischen Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses ist etwa abhängig, ob im Fall einer unbezahlten Tätigkeit Ansprüche auf eine nachträgliche Entlohnung geltend gemacht werden könnten.ammenfassung / Schlussfolgerungen

Verhältnis zwischen Praktikumstätigkeit, Absicherung und Entlohnung

Insbesondere in Studierendenpraktika besteht häufig eine Diskrepanz zwischen geleisteter Tätigkeit und arbeits- und sozialrechtlicher Absicherung einschließlich Entlohnung.

Dies betrifft zunächst Praktika, die als Volontariat bzw. Ausbildungsverhältnis vergeben, jedoch als Arbeitsverhältnis ausgestaltet werden. Beispielsweise geht aus der IHS Studierendensozialerhebung ein Anteil unbezahlter Studierendenpraktika von ca. zwei Drittel (Pflichtpraktika) bzw. einem Drittel (sonstige Praktika) hervor; gegenüber weniger als 15% bei SchülerInnenpraktika gemäß einer Studie der AK Steiermark.

Ein erheblicher Teil der Studierendenpraktika wird somit faktisch als Volontariat angeboten.

Von 41 erhobenen Praktika von Studierenden klassifizierten wir 39 als Arbeitsverhältnis. Anders formuliert: während Praktika faktisch zumeist Arbeitsverhältnisse sind (und damit entlohnungspflichtig wären), existiert über den Terminus „Ausbildungsverhältnis“ viel Spielraum zur Umgehung einer bezahlten bzw. hinreichend bezahlten Tätigkeit.

Eine Diskrepanz zwischen Tätigkeit und sozialer Absicherung kann aber auch bei Praktika angenommen werden, die als geringfügiges Beschäftigungsverhältnis organisiert sind, jedoch eine faktische Arbeitsleistung von deutlich mehr als 20 Wochenstunden beinhalten.

Mangelnde Entlohnung findet sich außerdem bei Praktika, die zwar über der Geringfügigkeitsgrenze entlohnt werden, deren qualifiziert-selbständiges Tätigkeitsprofil die Rolle der/des PraktikantIn jedoch so nahe an die regulärer Beschäftigter heranrücken lässt, dass eine stärkere Annäherung der Praktikumsentlohnung an das Gehaltsniveau des jeweiligen Stammpersonals gerechtfertigt erscheint.

In einem Großteil der von uns erhobenen 41 Praktika von Studierenden wurden überwiegend qualifiziert-selbständige bzw. qualifiziert-zuarbeitende Tätigkeiten ausgeführt.

Learning by doing

Der hohe Anteil an Arbeitsverhältnissen unter den erhobenen Praktika ist als Indiz dafür zu werten, dass der rechtlichen Kategorie des Ausbildungsverhältnisses bzw. Volontariats in der empirischen Wirklichkeit nur wenige Praktika entsprechen, woraus sich der Schluss ziehen lässt, dass es sich hierbei um eine nicht mehr zeitgemäße Kategorie handelt, weil berufsbezogene Kenntnisse nicht (mehr) in einem vom betrieblichen Arbeitsprozess abgekoppelten Trainingssetting vermittelt werden, sondern in realen Arbeitssituationen.

Problembranchen

Die Praktika dieser Branchen sind häufig von hoher Arbeitsbelastung bei geringer oder gänzlich fehlender Bezahlung gekennzeichnet, wobei das Tätigkeitsprofil entweder von qualifizierten, regulär Beschäftigten tendenziell gleichgestellten Tätigkeiten oder qualifiziert-zuarbeitenden Tätigkeiten geprägt ist.

Bei Praktikavon SchülerInnen sind zwar – hinsichtlich Arbeitsbelastung und Überforderung – ebenfalls Problembereiche zu vermuten, etwa das Gastgewerbe, allerdings sind SchülerInnenpraktika generell besser geschützt, da sie häufiger kollektivvertraglich geregelt und teilweise nur im Rahmen von Arbeitsverhältnissen zulässig, d.h. entlohnungspflichtig sind.

Die Bedeutung sozialer Netzwerke

Bei der Praktikumssuche sind Studierende im Vorteil, die aufgrund ihres sozialen Hintergrundes (d.h. der Eltern) über Sozialkapital verfügen, das ihnen bei der Suche zugute kommt. Dabei ist zu vermuten und tendenziell auch durch die Daten belegbar, dass die Bedeutung dieses sozusagen ererbten Sozialkapitals mit zunehmenden Lebensalter bzw. zunehmender Dauer des Studiums zugunsten selbst erworbenen Sozialkapitals abnimmt, d.h. eigenständig aufgebaute Kontakte an Bedeutung gewinnen.

Auch hier kann soziale Selektivität durch (je nach sozialer Herkunft) unterschiedliche Einübung in Aufbau und Pflege sozialer Kontakte wirksam sein.

Unbezahlte, aber studienrelevante bzw. spätere Berufschancen verbessernde Praktika sind in nicht wenigen Fällen jenen vorbehalten, die über einschlägige Netzwerke bzw. über den finanziellen Hintergrund der Eltern verfügen; wohingegen Studierende, die darauf nicht zurückgreifen können, anstatt eines z.B. dreimonatigen unbezahlten Auslandspraktikums einer anderweitigen, jedenfalls bezahlten Tätigkeit nachgehen müssen.

Praktika bei HochschulabsolventInnen

Auf Basis von aktuellen Daten der Statistik Austria und bezogen auf den Zeitraum von 1996 bis 2009 haben etwa 13% eines AbsolventInnenjahrgangs – umgerechnet jährlich ca. 4.000 bis 4.500 Graduierte – zumindest einmal ein Praktikum absolviert.

Ungleichverteilungen zeigen sich dahingehend, dass UniversitätsabsolventInnen häufiger von Praktika betroffen sind als berufsnäher ausgebildete FachhochschulabgängerInnen bzw. dass darüber hinaus insgesamt ein deutlicher Frauenüberhang bei der Annahme von Praktikums-Stellen vorliegt (70% zu 30%).

Graduierte vs. Studierende: geringere Verbreitung, aber größere Betroffenheit

Graduierte sind deutlich seltener zufrieden mit ihren Praktika, als Studierende oder SchülerInnen; dies in erster Linie deshalb, weil neben der Unsicherheit durch die lediglich befristete Beschäftigung (mit unklarer Übernahmeperspektive) die Bezahlung in der Regel dürftig ist.

In den von uns untersuchten Graduiertenpraktika wurde nur in wenigen Fällen mehr als 1.000 netto pro Monat bezahlt; und das bei Beschäftigungsverhältnissen, die mehrheitlich Vollzeitjobs waren.

Geradezu paradox mutet an, dass insbesondere befragte UnternehmensvertreterInnen für Praktika von Studierenden mehr Wertschätzung äußern als für Graduierte, die sich nach Studienabschluss für ein Praktikum anstatt für eine „reguläre“ Stelle bewerben. Letzteren haftet aus Unternehmenssicht der Makel der Unschlüssigkeit an, wohingegen die Sicht vieler Graduierter, Praktikumsstellen – oder sonstige befristete Jobs – mangels besserer Alternativen als Übergangsjobs annehmen zu müssen, zumindest in größeren Betrieben nur wenig goutiert wird.

Arbeitsverhältnisse als qualifizierte Mitarbeit

Die Frage der Zuordnung zu entweder Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnissen stellt sich bei Graduierten, die Praktika verrichten, so gut wie nie.

Auf Basis von Erfahrungen in diversen studentischen Jobs bekundet das Gros der befragten Graduierten, qualifizierte Mitarbeit in einer betrieblichen Arbeitsorganisation geleistet zu haben. Bloße Hilfstätigkeiten kamen ebenso selten vor wie die Vermutung, PraktikantInnen würden überwiegend „zuschauen“.

Allerdings ist das Stellenprofil der meisten Praktika relativ unscharf definiert und wird von den Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität verlangt: nicht nur in kleinen Betrieben ist das zu tun, was gerade ansteht – in vielen Fällen Verwaltungs- und Organisationsarbeit.

Trotz Aufgaben, die oftmals jenen von unbefristet Beschäftigten gleichgestellt sind, ist von echter Gleichbehandlung nur bei der Minderheit der interviewten Graduierten zu sprechen.

Problembranchen

Es wurde offenbar, dass etwa auch im öffentlichen Dienst Graduiertenpraktika mittlerweile eine Art Einstiegshürde sind, die akademische Berufsanwärter überspringen müssen, um in regulär entlohnte Jobs zu gelangen.

Andererseits laufen aktuelle „Tracking“-Studien zum Berufseinstieg von AkademikerInnen darauf hinaus, dass atypische Beschäftigungsverhältnisse erst nach ein bis drei Jahren anteilsmäßig stark abnehmen, der Großteil also nach einer schwierigen Einstiegsphase analog zu den älteren Kohorten von AkademikerInnen in „normalen“ Arbeitsverhältnissen tätig ist.

Fazit: Asymmetrie zwischen ArbeitgeberInnen und PraktikantInnen

Das Verhältnis zwischen PraktikantInnen, sowohl Studierende als auch Graduierte, und Anbietern von Praktika ist gegenüber Normalarbeitsverhältnissen zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen durch eine ausgeprägtere Asymmetrie gekennzeichnet.

Das ist auf mangelnde rechtliche Transparenz zurückzuführen, d.h. auf die fehlende Legaldefinition des Praktikumsstatus in Kombination mit der geltenden Dualität von Arbeits- und Ausbildungsverhältnis.

Aus unseren Interviews geht darüber hinaus hervor, dass wahrgenommene Missstände von den PraktikantInnen nur in Ausnahmefällen angesprochen, geschweige denn gerichtlich bekämpft werden, da viele davon Betroffene auf eine spätere Beschäftigung in der Praktikumsorganisation oder zumindest auf ein positives Praktikumszeugnis hoffen – auch die zeitliche Begrenztheit der Praktikumssituation dürfte hier eine maßgebliche Rolle spielen.

Die beschriebenen sozialen Selektivitäten wiederum erleichtern denjenigen, die über mehr finanzielles und soziales Hintergrundkapital verfügen, den Umgang mit Arbeitsmarktasymmetrien und fehlender oder sehr niedriger Praktikumsentlohnung (und damit zugleich eine Aufrechterhaltung des Berufsziels, in einer objektiv schwierigen „Problembranche“ Fuß zu fassen).

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  • Die Studierenden Sozialerhebung 2011, des Institus für höhere Studien beschäftigt sich in einem eigenen Kapitel mit der Praktikasituation der Studierenden.  

Auftraggeber: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung

Die Studie gibt es hier zum download.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie in Kurzform:

Ausmaß und Art absolvierter Praktika von Studierenden

43% aller Studierenden haben während ihrer bisherigen Studienzeit schon mindestens ein Praktikum absolviert. Davon hat ein Fünftel bisher ausschließlich freiwillige Praktika, weitere 15% ausschließlich Pflichtpraktika im Rahmen des Studiums und 8% bereits Erfahrung mit beiden Arten von Praktika gemacht.

 Etwa ein Drittel aller bisherigen PraktikantInnen (bzw. 14% aller Studierenden) haben schon ein Praktikum im Ausland gemacht. Dies waren für zwei Drittel der Personen freiwillige und für ein Drittel Pflichtpraktika. Besonders häufig absolvierten Universitätsstudierende bereits Auslandspraktika.

 Gruppenspezifische Unterschiede

Geschlecht

Studentinnen weisen häufiger Erfahrung mit Praktika auf als Studenten; (50% der Studentinnen, 40% der Studenten haben mind. 1 Prakikum absolviert), insbesondere mit Pflichtpraktika, was auf die geschlechtsspezifische Fächerwahl zurückzuführen ist (über 25% der Frauen, 20% der Männer).

Soziale Herkunft

Je höher die soziale Herkunftsschicht, desto öfter haben Studierende bereits Praktika gemacht.

Während fast die Hälfte (47%) der Studierenden aus hoher Schicht bisher mindestens ein Praktikum während des Studiums absolvierte, sind es unter Studierenden aus niedriger Schicht um etwa ein Viertel weniger (38%).

Vor allem mit freiwilligen Praktika haben Studierende aus hoher Schicht deutlich häufiger Erfahrung gemacht als Studierende aus niedriger Schicht (34% vs. 22%). Während Studierende aus höheren Schichten eher Praktika machen, sind Studierende aus niedrigeren Schichten eher während des ganzen Semesters erwerbstätig.

Grund sind die schichtspezifische Studienwahl sowie verschiedene zeitliche (geringes Erwerbsausmaß) oder finanzielle (Eltern, Beihilfen, etc.) Ressourcen, die dafür oft notwendig sind. Während Studierende aus höheren Schichten eher freiwillige Praktika machen, sind Studierende aus niedrigeren Schichten eher während des ganzen Semesters erwerbstätig.

Alter

Nach Alter steigt die Zahl der Praktikumserfahrenen bis zu den 25-Jährigen, unter Studierenden ab 26 Jahren nimmt sie wieder ab – ev. weil sie in älteren Diplomstudiengängen oder berufsbegleitenden FH-Studiengängen sutdieren, dort sind Pflichtpraktika weniger verbreitet.

Außerdem verzögert sich bei vielen ab 26 Jahren das Studium – oft aufgrund hoher Erwerbstätigkeit. Diese Studierenden haben also keine Zeitressourcen für Praktika und oft ohnehin bereits Berufserfahrung. Unter den Studierenden im ersten oder zweiten Semester hat bereits ein Drittel ein Praktikum absolviert.

Hochschulsektor und Studienrichtung

An Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen dominieren Pflichtpraktika, während Studierende an Universitäten öfter freiwillige Praktika absolvieren. In Summe jedoch haben Universitätsstudierende deutlich seltener Praktika gemacht.

Am meisten Praktikumserfahrung gibt es unter Studierenden in Vollzeit-Studiengängen an FHs (66% Pflichtpraktika, 27% freiwillige Praktika), in derartigen sozialwissenschaftlichen Studiengängen haben sogar 90% Pflichtpraktikumserfahrung.

An Universtitäten haben dagegen in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, sowie in Rechtswissenschaften haben weniger als 10% ein Pflichtpraktikum absolviert. 29% aller Studierenden haben im bisherigen Studium mindestens ein freiwilliges Praktikum absolviert. Über die Hälfte der Studierenden der Veterinärmedizin – trotz dort stark verbreiteter Pflichtpraktika – sowie der Studierenden individueller Studien (v.a. Internationale Entwicklung und Pflegewissenschaften) – die kaum Pflichtpraktika machen – absolvierte bereits freiwillige Praktika.

Auslandspraktika

Fast ein Viertel aller bisherigen PflichtpraktikantInnen (bzw. 5% aller Studierenden) hat bereits ein Pflichtpraktikum im Ausland gemacht.

Im Gegensatz zum Gesamtanteil Pflichtpraktikumserfahrener sind es hier am häufigsten die Universitätsstudierenden (25% aller PflichtpraktikantInnen). Unter Studierenden, die Erfahrung mit freiwilligen Praktika haben, hat etwa ein Drittel (das sind 10% aller Studierenden) ein solches bereits im Ausland gemacht. Dies gilt besonders für Universitätsstudierende (37% aller freiwilligen PraktikantInnen) und unter diesen speziell für Studierende individueller Studien (v.a. IE und Pflegewissenschaften; 56%), der Veterinärmedizin (50%), der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (40%), des Lehramts (39%), der Humanmedizin (38%) und der Geistes- und Kulturwissenschaften (37%).

Bezahlung

Insgesamt wurde über die Hälfte der während der Studienzeit absolvierten Praktika bezahlt (56%). Auslandspraktika waren zu etwa zwei Drittel finanziell vergütet. Pflichtpraktika werden mehrheitlich (knapp 60%) unbezahlt absolviert, während zwei Drittel der freiwilligen Praktika bezahlt sind. Von Frauen absolvierte freiwillige Praktika waren öfter unbezahlt (44%) als jene von Männern (28%). Pflichtpraktika von Studentinnen waren sogar zu fast 70% unbezahlt, während Männer für über die Hälfte ihrer Pflichtpraktika bezahlt wurden. Je höher der Frauenanteil in einer Studiengruppe ist, desto höher ist auch der Anteil unbezahlter Pflichtpraktika. Dies gilt an den Universitäten in deutlich abgeschwächter Form als an den Fachhochschulen.

Von Studierenden in Vollzeit-FH-Studiengängen absolvierte Pflichtpraktika werden insgesamt öfter bezahlt (58%),49 während Pflichtpraktika von Studierenden an Pädagogischen Hochschulen (82%) und Universitätsstudierenden (64%) meist nicht bezahlt wurden.

Suchdauer und Dauer der Praktika

Studierende haben im Schnitt dreieinhalb Wochen nach einem Pflichtpraktikumsplatz gesucht. Ein Praktikum (ob verpflichtend oder freiwillig) dauerte durchschnittlich drei Monate, Auslandspraktika etwa um einen halben Monat kürzer.

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  • Geschlechterspezifische Unterschiede im Praktikabereich wurden von Agnes Fessler aus den Daten der Studierenden-Sozialerhebung 2011 in ihrer Bachelorarbeit untersucht.
Die Arbeit Geschlechtsspezifische Chancen bei der Bezahlung von Praktika unter Studierenden
in Österreich“ ist hier downloadbar.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie in Kurzform folgen in Kürze
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  • Mythos „Generation Praktikum“?

Eine Studie zur Beschäftigungssituation von AbsolventInnen von Universitäten und Fachhochschulen zwei bis sechs Jahre nach deren Abschluss hat für mediales Aufsehen gesorgt. Dabei löste die Aussage über den angeblichen Mythos der „Generation Praktikum“ Diskussionen aus. Die Plattform hat die erschienene Studie analysiert. Ein Kommentar von Regina Gottwald.

In der Mitte Mai 2010 veröffentlichten Studie zur Arbeitssituation von Universitäts- und FachhochschulabsolventInnen (ARUFA), die vom BMWF in Auftrag gegeben und dem Internationale Zentrum für Hochschulforschung in Kassel durchgeführt wurde, wird der Schluss gezogen, dass es die „Generation Praktikum“ nicht gebe, da die „meisten“ AbsolventInnenen (60%) im ersten halben Jahr nach Studienabschluß regulär erwerbstätig sind. In einem Statement sprachen Wissenschaftsminister Töchterle und AMS-Chef Kopf in diesem Zusammenhang sogar von einem „Mythos Generation Praktikum“.
Die Plattform Generation Praktikum hat die Studie näher betrachtet und möchte nun einen differenzierteren Blick auf die Ergebnisse werfen. Mit einer alternativen Lesart läßt sich nämlich – selbst wenn man von den methodischen Schwachpunkten der Studie, wie etwa der geringe Rücklauf und die geringe Differenzierung nach Studienrichtungen oder arbeitsrechtlicher Ausgestaltung, absieht – eine deutlich andere Realität aufzeigen.

Generation Praktikum vs. Generation Prekär
Vorab sollte die Definition von „Generation Praktikum“ klar gestellt werden. In der Studie wurden AbsolventInnen befragt, deren Studienabschluss zwei bis sechs Jahre zurück liegt, die meisten Praktika werden jedoch noch im Studium bzw. am Ende des Studiums gemacht. Die Tatsache, dass Studierenden während ihrer Ausbildung immer häufiger verpflichtend Praktika oder Praxissemester absolvieren, leugnet auch die vorgelegte ARUFA-Studie nicht. In den Tabellen 5.13. und 4.14 wird aufgezeigt, dass der Anteil der PflichtpraktikantInnen mit den Jahren deutlich angestiegen ist. Insgesamt hat jeweils mehr als die Hälfte der Bachelor- und Master-AbsolventInnen angegeben, im Rahmen des Studiums ein Pflichtpraktikum absolviert zu haben. Nach dem Studium ist es jedoch passender, statt von einer „Generation Praktikum“, von der „Generation Prekär“ sprechen, die vor allem von unsicheren und unterbezahlten Beschäftigungsformen gekennzeichnet ist.

Mindestens ein Viertel der AbsolventInnen sind prekär beschäftigt
Wirft man einen Blick auf die berufliche Stellung in der ersten Beschäftigung nach Abschluss (Tab. 4.11), so lässt sich in unseren Augen rund ein Viertel dieser prekär beschäftigten Gruppe zuordnen: Insgesamt 8% sind als PraktikantIn, VolontärIn oder Trainee beschäftigt, 3% gehen lediglich einer geringfügigen Beschäftigung nach, 9% sind Werkvertrags-nehmerInnen oder freie DienstnehmerInnen, 4% haben ArbeiterInnenstatus oder nicht näher definierte (nicht angemeldete?) sonstige Beschäftigungsformen.
Die Studie zeigt außerdem auf, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der AbsolventInnen nach Abschluss Praktika-ähnliche Ausbildungen wie Unterrichtspraktikum, Gerichtsjahr/ KonzipientIn (zusammen 8%) macht, zusätzlich geht mehr als jede/r Zehnte (11%) in dieser Zeit einer Erwerbstätigkeit ohne Bezug zum Studium nach, um Geld zu verdienen (Tab. 4.9).

Durchschnittswerte verzerren das Bild
Wenn nach Abschluss ein Beschäftigungsverhältnis vorliegt, so beträgt das monatliche Bruttoeinkommen der AbsolventInnen bei einer durchschnittlichen tatsächlichen Wochenarbeitszeit von 40 Stunden 1.830 Euro. Dieser Wert wird jedoch noch kleiner, betrachtet man die Statistik nach Alter und nach Hochschultyp. So liegt etwa das durchschnittliche Bruttogehalt der 25 bis 27-jährigen AbsolventInnen bei 1.788 Euro (Tab. 4.43), das der Kunst-AbsolventInnen bei lediglich 1.184 Euro (Tab. 4.29). Darüber, ob dies ein adäquates AkademikerInnen-Einstiegsgehalt ist, lässt sich also streiten. Genauso ist es Ansichtssache, inwiefern man einen Anteil von 60% regulärer Beschäftigungen als Erfolgsindikator sieht, immerhin stellt sich die Frage, was die restlichen 40% der AbsolventInnen nach ihren Abschluss machen. Auch die fehlende Differenzierung zwischen klassischen Studierenden, die direkt nach der Matura zu studieren begonnen haben und jenem nicht unbeträchtlich großem Anteil an älteren (berufsbegleitenden) Weiterbildungs-Studierenden, verzerren die Durchschnittswerte nach oben.

Dunkelziffer durch Fortsetzung des Studiums
Der große Anteil an Personen, der nach Abschluss ein weiteres Studium anschließt (19%) könnte ebenfalls als Hinweis darauf verstanden werden, dass mit dem Erstabschluss kein adäquater Job gefunden wird und das Weiterstudieren als Ausweichstrategie genutzt wird. Laut Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2009 hat ein Drittel der befragten Master-Studierenden, die nach dem Bachelor-Abschluss auf Jobsuche gewesen waren, keine entsprechende Beschäftigung gefunden. Bei Doktoratstudierenden tritt erfolglose Jobsuche ebenfalls als Studienmotiv auf. Immerhin ermöglicht der Status als Studierende/r weiterhin soziale Absicherung, etwa durch günstige (Mit)versicherung. Viele Absolventinnen haben nach ihrem Abschluss aufgrund der prekären Beschäftigungen während des Studiums auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Erwerbstätigkeit und Praktikum kein Widerspruch
Der in der Studie angegebene Anteil von 10% arbeitssuchenden AbsolventInnen wird dadurch unterschätzt, dass viele Studierende nach dem Studium ihren studentischen Nebenjob behalten, der sie zwar als erwerbstätig aufscheinen lässt, aber nicht unbedingt der regulären Vollzeit-Beschäftigung entspricht, die gewünscht bzw. gesucht wird. Außerdem muss es kein Widerspruch sein, gleichzeitig PraktikantIn und erwerbstätig sein. Praktika sind nicht an bestimmte Beschäftigungsformen gebunden und können etwa auch in Form einer befristeten Anstellung erfolgen. Zusätzlich ist darauf hinzuweisen, dass laut ARUFA-Studie ein Drittel der AbsolventInnen angibt, bereits in den letzten ein bis zwei Jahren vor Studienabschluss nicht mehr hauptsächlich studiert zu haben. Der Übergang von Studium in die Erwerbstätigkeit findet also bereits vor offiziellem Studienabschluss statt, und genau hier ist die Generation Praktikum zu suchen.

Blick hinter die Masken
Unsere Kritikpunkte an der Studie beziehen sich vor allem auf die undifferenzierte Darstellungs- und Sichtweise der Ergebnisse. Unter „Generation Praktikum“ wird von den AutorInnen scheinbar lediglich eine längere Periode von Arbeitslosigkeit bzw. das langjährige Absolvieren von Praktika nach Studienabschluss verstanden. Dies ist zum Glück nicht der Fall. Personen, die zwei bis sechs Jahre nach Abschluss noch Praktika machen bzw. keine sozialversicherungspflichtige Anstellung gefunden haben, hätten (mit Ausnahme von Unterstützung durch die Familie) keinerlei finanzielle oder soziale Existenzsicherung und hätten in dieser Situation auch höchstwahrscheinlich nicht an der Befragung teilgenommen. Das Augenmerk sollte sich daher viel eher auf die niveauadäquate Beschäftigung, die arbeitsrechtliche Gestaltung und die Bezahlung der Einsteigerjobs richten. Leider gibt es in der Studie keine Information darüber wie adäquat die erste Beschäftigung nach Abschluss war, dies wurde die Personen lediglich in Bezug auf ihre aktuelle Situation, zwei bis sechs Jahre nach Abschluss gefragt. Außerdem wäre eine nähere Betrachtung des Einkommens, mit den AbsloventInnen nach dem Studium auskommen müssen, unabhängig davon ob sie nach Abschluß beschäftigt sind oder nicht, interessant gewesen. Um die Generation Prekär zu identifizieren, bedarf es einen Blick hinter die Masken, unter der sie sich allzugern versteckt.

Hier findet sich die besprochene Studie zum Download.

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