Mythos „Generation Praktikum“?

Eine Studie zur Beschäftigungssituation von AbsolventInnen von Universitäten und Fachhochschulen zwei bis sechs Jahre nach deren Abschluss hat für mediales Aufsehen gesorgt. Dabei löste die Aussage über den angeblichen Mythos der „Generation Praktikum“ Diskussionen aus. Die Plattform hat die erschienene Studie analysiert. Ein Kommentar von Regina Gottwald.

In der Mitte Mai veröffentlichten Studie zur Arbeitssituation von Universitäts- und FachhochschulabsolventInnen (ARUFA), die vom BMWF in Auftrag gegeben und dem Internationale Zentrum für Hochschulforschung in Kassel durchgeführt wurde, wird der Schluss gezogen, dass es die „Generation Praktikum“ nicht gebe, da die „meisten“ AbsolventInnenen (60%) im ersten halben Jahr nach Studienabschluß regulär erwerbstätig sind. In einem Statement sprachen Wissenschaftsminister Töchterle und AMS-Chef Kopf in diesem Zusammenhang sogar von einem „Mythos Generation Praktikum“.
Die Plattform Generation Praktikum hat die Studie näher betrachtet und möchte nun einen differenzierteren Blick auf die Ergebnisse werfen. Mit einer alternativen Lesart läßt sich nämlich – selbst wenn man von den methodischen Schwachpunkten der Studie, wie etwa der geringe Rücklauf und die geringe Differenzierung nach Studienrichtungen oder arbeitsrechtlicher Ausgestaltung, absieht – eine deutlich andere Realität aufzeigen.

Generation Praktikum vs. Generation Prekär
Vorab sollte die Definition von „Generation Praktikum“ klar gestellt werden. In der Studie wurden AbsolventInnen befragt, deren Studienabschluss zwei bis sechs Jahre zurück liegt, die meisten Praktika werden jedoch noch im Studium bzw. am Ende des Studiums gemacht. Die Tatsache, dass Studierenden während ihrer Ausbildung immer häufiger verpflichtend Praktika oder Praxissemester absolvieren, leugnet auch die vorgelegte ARUFA-Studie nicht. In den Tabellen 5.13. und 4.14 wird aufgezeigt, dass der Anteil der PflichtpraktikantInnen mit den Jahren deutlich angestiegen ist. Insgesamt hat jeweils mehr als die Hälfte der Bachelor- und Master-AbsolventInnen angegeben, im Rahmen des Studiums ein Pflichtpraktikum absolviert zu haben. Nach dem Studium ist es jedoch passender, statt von einer „Generation Praktikum“, von der „Generation Prekär“ sprechen, die vor allem von unsicheren und unterbezahlten Beschäftigungsformen gekennzeichnet ist.

Mindestens ein Viertel der AbsolventInnen sind prekär beschäftigt
Wirft man einen Blick auf die berufliche Stellung in der ersten Beschäftigung nach Abschluss (Tab. 4.11), so lässt sich in unseren Augen rund ein Viertel dieser prekär beschäftigten Gruppe zuordnen: Insgesamt 8% sind als PraktikantIn, VolontärIn oder Trainee beschäftigt, 3% gehen lediglich einer geringfügigen Beschäftigung nach, 9% sind Werkvertrags-nehmerInnen oder freie DienstnehmerInnen, 4% haben ArbeiterInnenstatus oder nicht näher definierte (nicht angemeldete?) sonstige Beschäftigungsformen.
Die Studie zeigt außerdem auf, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der AbsolventInnen nach Abschluss Praktika-ähnliche Ausbildungen wie Unterrichtspraktikum, Gerichtsjahr/ KonzipientIn (zusammen 8%) macht, zusätzlich geht mehr als jede/r Zehnte (11%) in dieser Zeit einer Erwerbstätigkeit ohne Bezug zum Studium nach, um Geld zu verdienen (Tab. 4.9).

Durchschnittswerte verzerren das Bild
Wenn nach Abschluss ein Beschäftigungsverhältnis vorliegt, so beträgt das monatliche Bruttoeinkommen der AbsolventInnen bei einer durchschnittlichen tatsächlichen Wochenarbeitszeit von 40 Stunden 1.830 Euro. Dieser Wert wird jedoch noch kleiner, betrachtet man die Statistik nach Alter und nach Hochschultyp. So liegt etwa das durchschnittliche Bruttogehalt der 25 bis 27-jährigen AbsolventInnen bei 1.788 Euro (Tab. 4.43), das der Kunst-AbsolventInnen bei lediglich 1.184 Euro (Tab. 4.29). Darüber, ob dies ein adäquates AkademikerInnen-Einstiegsgehalt ist, lässt sich also streiten. Genauso ist es Ansichtssache, inwiefern man einen Anteil von 60% regulärer Beschäftigungen als Erfolgsindikator sieht, immerhin stellt sich die Frage, was die restlichen 40% der AbsolventInnen nach ihren Abschluss machen. Auch die fehlende Differenzierung zwischen klassischen Studierenden, die direkt nach der Matura zu studieren begonnen haben und jenem nicht unbeträchtlich großem Anteil an älteren (berufsbegleitenden) Weiterbildungs-Studierenden, verzerren die Durchschnittswerte nach oben.

Dunkelziffer durch Fortsetzung des Studiums
Der große Anteil an Personen, der nach Abschluss ein weiteres Studium anschließt (19%) könnte ebenfalls als Hinweis darauf verstanden werden, dass mit dem Erstabschluss kein adäquater Job gefunden wird und das Weiterstudieren als Ausweichstrategie genutzt wird. Laut Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2009 hat ein Drittel der befragten Master-Studierenden, die nach dem Bachelor-Abschluss auf Jobsuche gewesen waren, keine entsprechende Beschäftigung gefunden. Bei Doktoratstudierenden tritt erfolglose Jobsuche ebenfalls als Studienmotiv auf. Immerhin ermöglicht der Status als Studierende/r weiterhin soziale Absicherung, etwa durch günstige (Mit)versicherung. Viele Absolventinnen haben nach ihrem Abschluss aufgrund der prekären Beschäftigungen während des Studiums auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Erwerbstätigkeit und Praktikum kein Widerspruch
Der in der Studie angegebene Anteil von 10% arbeitssuchenden AbsolventInnen wird dadurch unterschätzt, dass viele Studierende nach dem Studium ihren studentischen Nebenjob behalten, der sie zwar als erwerbstätig aufscheinen lässt, aber nicht unbedingt der regulären Vollzeit-Beschäftigung entspricht, die gewünscht bzw. gesucht wird. Außerdem muss es kein Widerspruch sein, gleichzeitig PraktikantIn und erwerbstätig sein. Praktika sind nicht an bestimmte Beschäftigungsformen gebunden und können etwa auch in Form einer befristeten Anstellung erfolgen. Zusätzlich ist darauf hinzuweisen, dass laut ARUFA-Studie ein Drittel der AbsolventInnen angibt, bereits in den letzten ein bis zwei Jahren vor Studienabschluss nicht mehr hauptsächlich studiert zu haben. Der Übergang von Studium in die Erwerbstätigkeit findet also bereits vor offiziellem Studienabschluss statt, und genau hier ist die Generation Praktikum zu suchen.

Blick hinter die Masken
Unsere Kritikpunkte an der Studie beziehen sich vor allem auf die undifferenzierte Darstellungs- und Sichtweise der Ergebnisse. Unter „Generation Praktikum“ wird von den AutorInnen scheinbar lediglich eine längere Periode von Arbeitslosigkeit bzw. das langjährige Absolvieren von Praktika nach Studienabschluss verstanden. Dies ist zum Glück nicht der Fall. Personen, die zwei bis sechs Jahre nach Abschluss noch Praktika machen bzw. keine sozialversicherungspflichtige Anstellung gefunden haben, hätten (mit Ausnahme von Unterstützung durch die Familie) keinerlei finanzielle oder soziale Existenzsicherung und hätten in dieser Situation auch höchstwahrscheinlich nicht an der Befragung teilgenommen. Das Augenmerk sollte sich daher viel eher auf die niveauadäquate Beschäftigung, die arbeitsrechtliche Gestaltung und die Bezahlung der Einsteigerjobs richten. Leider gibt es in der Studie keine Information darüber wie adäquat die erste Beschäftigung nach Abschluss war, dies wurde die Personen lediglich in Bezug auf ihre aktuelle Situation, zwei bis sechs Jahre nach Abschluss gefragt. Außerdem wäre eine nähere Betrachtung des Einkommens, mit den AbsloventInnen nach dem Studium auskommen müssen, unabhängig davon ob sie nach Abschluß beschäftigt sind oder nicht, interessant gewesen. Um die Generation Prekär zu identifizieren, bedarf es einen Blick hinter die Masken, unter der sie sich allzugern versteckt.

Hier findet sich die besprochene Studie zum Download.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s