Ein positiver Bericht zur Abwechslung Aus einer Praxiserfahrung in den Ferien kann mehr entstehen. Ein Erfahrungsbericht über Geräte, Papierstaus, Fälle und berufliche Chancen. Die Ausnahme von der Regel?

Kaum hatte ich mit meinem Studium der Rechtswissenschaften begonnen, begann ich auch, einen Ferialjob in einer Anwaltskanzlei zu suchen. Ich hatte zwar erst zwei Semester studiert, aber ich wollte unbedingt bereits praktische Erfahrungen sammeln, insbesondere, da die Prüfungen (Einführung, Rechtsgeschichte und römisches Recht) keine besondere praktische Relevanz hatten.
Zunächst schrieb ich viele Bewerbungen und erhielt ebenso viele Absagen. Meist hieß es: Warten Sie mal, bis Sie praxisrelevante Prüfungen absolviert haben, dann melden Sie sich wieder.

Aber schließlich fand ich – über Vermittlung einer Freundin – einen Anwalt, der mich zumindest zum Vorstellungsgespräch einlud. Eine kleine Kanzlei am Lande, ein Anwalt, eine Konzipientin, 2 Sekretärinnen, eine davon Teilzeitkraft. Er meinte, Kaffeekochen und kopieren würde ich schon können und Anrufe notieren wäre wohl auch möglich. Wir vereinbarten vier Wochen zu einem Gehalt, das eher einem Taschengeld glich, aber ich war froh, überhaupt ein Praktikum gefunden zu haben. Gleich in der ersten Woche fielen beide Sekretärinnen und die Konzipientin aus, der ältere Praktikant, der mich eigentlich einschulen sollte, erschien erst gar nicht und die Praktikantin, die die Schreibarbeiten übernehmen sollte, fiel ebenfalls auch. Ich saß also in meiner ersten Woche ganz allein in der Kanzlei, kannte mich weder mit den Geräten (Fax, Kopierer, Telefonanlage mit mehreren Nebenstellen zum „Durchschalten“) aus, noch kannte ich die speziellen Computerprogramme.

Mir blieb also nichts übrig, als mich irgendwie durchzuwurschteln zwischen Anrufen nervöser Kunden, Papierstau in diversen Geräten und verärgerten Anfragen des Anwalts, warum dies und jenes noch nicht erledigt wäre. Nach zwei Tagen war ich kurz davor zu kündigen und mich nach einem ruhigern Job umzusehen. Aufgeben ist allerdings nicht meine Art. Wenn ich mir etwas vornehme, dann schaffe ich es auch.
Also arbeitete ich weiter, so gut ich eben konnte. Was ich in der normalen Bürozeit nicht schaffte, erledigte ich eben am Abend. Wenn etwas bis zum Freitag fertig sein musste, dann war es bis Freitag fertig und wenn ich notfalls im Büro übernachten müsste (was Gott sei Dank nie der Fall war). Kurioserweise kann ich nach Diktat besser tippen als manche Sekretärin und kam auch rasch mit den Programmen und Geräten zurecht.
Am Ende des Praktikums rief mich der Anwalt in sein Büro, gab mir das Doppelte des vereinbarten Entgelts und fragte mich, ob er in den nächsten Ferien wieder mit mir rechnen dürfe. Selbstverständlich sagte ich zu.

Im nächsten Jahr fiel mir alles schon sehr viel leichter. Ich kannte die Geräte, die Programme, die Kunden und die Fälle. Obwohl ich erst im zweiten Studienabschnitt war, durfte ich bereits Arbeiten verrichten, die eigentlich die (inzwischen in Karenz befindliche) Konzipientin hätte erledigen sollen. Tippen musste ich nur noch ausnahmsweise, wenn etwas ganz besonders dringend war.
So ging es dahin und aus dem einen Ferialpraktikum wurde rasch ein Dauerpraktikum, bei welchem ich je nachdem, wie ich Zeit hatte, auch unter dem Semester arbeitete. Rasch durfte ich auch anspruchsvolle Arbeiten erledigen. Ich bekam dabei insbesondere jene Fälle, die mit den Prüfungen, für die ich gerade lernte, zu tun hatten.
Nachdem ich mein Studium mit überdurchschnittlich gutem Erfolg abgeschlossen hatte und das Doktorat begann, stellte mir mein Chef seine Bibliothek zur Verfügung, sollte ich etwas für meine Dissertation brauchen. Tatsächlich unterstützte er mich in jeder erdenklichen Weise im Doktorratsstudium, auch durfte ich während der Arbeitszeit in der Kanzlei Artikel aus Büchern und Zeitschriften, die ich für meine Doktorarbeit benötigte, kopieren.

Nach Abschluss des Doktorats und des (vorgeschriebenen) neunmonatigen Gerichtspraktikums konnte ich sofort in der Kanzlei als Konzipientin anfangen. Die Arbeitsbedingungen sind hervorragend, ich habe größtmögliche Freiheit und werde – obwohl erst seit einigen Monaten in der Kanzlei als Konzipientin tätig – wie eine Junior-Partnerin behandelt. Tatsächlich redet mein Arbeitgeber von Ausbau der Kanzlei für zwei Rechtsanwälte. Dass Anwälte schlecht bezahlen und die Arbeitszeiten und -belastungen hoch wären, kann ich nicht bestätigen, zumindest bei mir trifft dies in keiner Weise zu.

Ich nehme an, dass meine Geschichte wohl die Ausnahme von der Regel sein dürfte. Aber auch positive Erfahrungsberichte sollten einen Platz haben.

Dr. E., 27 Jahre, Juristin

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